Im vergangenen Jahr haben wir in unserem Zentrum mehr als 280 Menschen aus insgesamt 31 Herkunftsländern im Rahmen der Psychotherapie, Psychosozialen Beratung, Kunst- und Körpertherapie behandelt und begleitet. Die Anmeldezahlen werden nicht weniger, ganz im Gegenteil.
Wir freuen uns darüber, wenn Menschen ihren Weg zu REFUGIO finden und somit eine Anbindung, mit einer Aussicht auf Verbesserung der psychischen Probleme von Betroffenen, ermöglicht wird.
Gleichzeitig spiegeln sich durch die anhaltend hohen Anmeldezahlen auf unserer Warteliste im Kleinen – die großen Ungerechtigkeiten und Katastrophen der Welt wieder:
Seien es Menschen aus dem kriegszerstörten Syrien, die vor dem Wehrdienst, dem Hunger oder den Bombardements auf die Zivilbevölkerung fliehen. Die Kriegsverbrechen des Assad-Regimes und seinen Koalitionspartner*innen sind barbarisch und haben keine Grenzen. Sexualisierte Gewalt, auch und insbesondere an Jungen und Männern, ist eine verbreitete Kriegswaffe in Foltergefängnissen auf der ganzen Welt geworden – Syrien und Libyen sind hier nur exemplarische Beispiele.
Oder sprechen wir von queeren Geflüchteten (LGBTQIA*) die in vielen Ländern der Welt allein aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität diskriminiert, ausgegrenzt, verfolgt oder gar getötet werden. Diese Diskriminierungserfahrungen sind oft genug mit einer Einreise in die EU oder dem Neustart eines Lebens in Deutschland noch lang nicht beendet. Auch in Deutschland und Thüringen gibt es diesbezüglich noch viel zu tun, um davon sprechen zu können, dass Menschen, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität, frei und sicher ihren Alltag durchleben können.
Auch begleiten wir vielfach alleinreisende Frauen, mit oder ohne Kinder. Sie sind vor geschlechtsspezifischer Gewalt oder Verfolgung geflohen – und manchmal nur durch diesen Akt der Selbstbestimmung ihr Leben und das ihrer Kinder retten konnten. Seien es Fälle von Frauen die durch Zwangsprostitution Opfer von Menschenhandel wurden und beispielsweise aus Nigeria bis nach Italien gebracht wurden. Oder Mütter, die nach eigener traumatischer Erfahrung, ihre kleinen Töchter vor der Tradition der Genitalverstümmelung (FGM) retten wollten – durch die zwangsläufige Flucht jedoch weitere Kinder im Herkunftsland zurücklassen mussten. Oder junge Frauen im Iran, welche aufgrund der Scharia-Gesetzgebung ihre heimliche Konversion zum Christentum mit dem Leben bezahlen könnten. Oder das nachlässige Tragen des Hijabs (Kopftuch) bereits mehrfach zu Verhören oder Inhaftierung führte.
Diese Lebensrealitäten von Menschen rund um den Globus, zeigen uns, dass der tagtägliche Einsatz für eine gerechtere Welt im Namen der Menschenrechte ein Kampf ist, welcher Ausdauer, Kraft und einen langen Atem braucht. Vielerorts gab es über die letzten Jahrzehnte hinweg bereits positive Veränderungen, welche hart erstritten und erkämpft wurden und sich beispielsweise in reformierten Gesetzgebungen niederschlagen. Dies sei nicht zu vergessen.
Dennoch wollen wir heute daran erinnern, dass es täglich zu Menschenrechtsverletzungen kommt, welche Menschen entwürdigen, verletzen oder gar töten – in jeder Minute werden unschuldige Personen ihren Freiheiten beraubt. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist ein wichtiges Instrument zur Eliminierung dieser Verletzungen. Durch die Übertragung der Inhalte dieser, in bspw. die Europäische Menschenrechtskonvention, hat sich die EU dazu verpflichtet, die Wahrung der Rechte aller Menschen als Grundsatz und Aufgabe jeden Handelns zu machen. Schauen wir beispielsweise an die europäischen Außengrenzen, auf die griechischen Inseln oder ins Mittelmeer, wird sichtbar, dass auch in der EU Menschenrechte vielerorts verletzt werden und Menschenleben dadurch Spielball politischer Signalpolitik werden.
Menschenrechte dürfen an Grenzen keinen Halt machen!
refugio thüringen e.V. versteht sich als Menschenrechtsorganisation und setzt sich im Rahmen der individuellen Begleitung von Menschen für die Wahrung der Rechte aller schutzsuchenden Menschen ein – hierbei mit besonderem Fokus auf besonders vulnerable Gruppen wie traumatisierte und psychisch erkranke Personen und Überlebende von Folter.