Am kommenden Samstag den 20.06.2020 ist Weltflüchtlingstag. Unsere Kunsttherapeutin hat sich anlässlich dieses Tages die Zeit genommen, einen ihrer Fälle, im Hinblick auf die politische Situation, die viele Menschen in ihren Lebensrealitäten erschüttert, zu reflektieren und für Sie (anonymisiert) aufzuarbeiten.

„Weltflüchtlingstag – Hassan konnten wir helfen

Im Juni 2014 beginnt die islamistische Terrormiliz, der sogenannte Islamische Staat, mit der Verfolgung und Vernichtung der, von ihnen so bezeichneten, „Ungläubigen“ im Norden Iraks, der Völkergruppe der Jesiden.

 

Die Wurzeln des Jesidentums reichen bis ca. 2000 Jahre v.u.Z. zurück. Es handelt sich um eine monotheistische Religion, zu deren Grundlagen die Engellehre, die Verehrung der Sonne und der Glaube an die Seelenwanderung und die Wiedergeburt zählen.

 

Die Jesiden selbst bezeichnen den Völkermord, der in Sindschar vor 6 Jahren geschah, als den
73. Genozid ihrer Geschichte.

 

Die Liste der Gräueltaten des IS ist lang: tausende Tote und tausende verschleppte, vergewaltigte und versklavte Mädchen und Frauen, Massenerschießungen, hunderte verdurstete und verhungerte Kinder, …

 

Überleben und Davonkommen mit den Erlebnissen von Vernichtung und Vertreibung bedeutet auch massive Traumatisierung.

 

Die Zufluchtsorte, Flüchtlingslager im Nordirak, sind überfüllt und werden den Bedürfnissen der Geflüchteten nicht gerecht. Es ist eine katastrophale humanitäre Lage.

 

Ein jesidischer Junge aus Sindschar, dessen Familie es 2016 auf ihrer Flucht aus der oben beschriebenen Gegend und Situation bis nach Deutschland schaffte, wurde nach Eintritt in die Schule 2017 zur Kunsttherapie bei REFUGIO Thüringen angemeldet.

 

[Das kunsttherapeutische Angebot ist Teil des Angebotes von Psychosozialen Zentrum REFUGIO Thüringen. Als Pilotprojekt startete es 2016 und ist seither fester Bestandteil in der niedrigschwelligen Hilfe für geflüchtete Kinder und Jugendliche.]

 

Hassan* war zu Beginn der Kunsttherapie 8 Jahre alt. Er wurde als Kind mit einem starken Bewegungsdrang und großer Ruhelosigkeit vorgestellt. Seine Deutschkenntnisse waren sehr eingeschränkt und im Vergleich zu seinen Geschwistern eher gering entwickelt.

 

Im Gespräch mit der Mutter wurde deutlich, dass Hassan in seiner Heimat Dinge gesehen und erlebt hatte, die selbst für sie unaussprechlich waren.

 

Zur Kunsttherapie kam er regelmäßig wöchentlich einmal über einen Zeitraum von 15 Monaten hinweg.

Hassan wirkte im Verhältnis zu seinen Klassenkammerad*innen körperlich recht klein, aber auch drahtig und reaktionsschnell.

 

Dem Material gegenüber zeigte er keinerlei Scheu. Er war neugierig und interessiert. Es fiel auf, dass er alles mit seinen Händen berührte, so, als würde er die Materialien darüber begreifen.

 

In der therapeutischen Beziehung verhielt er sich anfangs zurückhaltend und skeptisch. Das änderte sich mit der Zeit, er fasste Vertrauen und öffnete sich zunehmend.

 

In der Anfangsphase arbeitete er chaotisch, unstrukturiert und zerstörend. Er zertrümmerte zahlreiche Specksteine, hinterließ Farbspuren im ganzen Raum, richtete Wasserbäder auf dem Fußboden an, probierte alle möglichen Materialien aus und hinterließ immer wieder ein regelrechtes „Schlachtfeld“.

 

Seine Ideen und Bedeutungsinhalte änderten sich sprunghaft innerhalb einer Therapieeinheit, ebenso das Interesse an Materialien. Auch hier kehrte im Verlauf eine Stabilisierung ein. Es gelang ihm, das gewählte Material über die Dauer einer Therapieeinheit hinweg zu nutzen, Zusammenhänge innerhalb der Darstellung herzustellen, sich verbal auf das Geschaffene zu beziehen, zunehmend die Struktur der Therapiesitzung zu verinnerlichen und körperlich zur Ruhe zu kommen.

 

Seine verbalen Äußerungen waren zu Beginn der Kunsttherapie auffällig stark von Gewalt, Aggression, Tötung und Zerstörung geprägt, was adäquat zum Umgang mit dem Material passte. Dabei reichte oft ein Pinselstrich, eine zufällige Form im Stein oder im Holz, um ein wortgewaltiges Herausbrechen zu initiieren.

 

Auch hier stellten sich im Verlauf der Kunsttherapie kleine Veränderungen ein. Die verbalen Reaktionen erschienen zunehmend verlangsamter, bewusster und in Zusammenhänge eingebunden.

 

Später beschrieb Hassan Albträume, die in ihm große Ängste auslösten und Erlebtes reaktivierten. In den Schilderungen verschwammen die Grenzen zwischen real Erlebtem und Phantasiertem. Die Phantasie schien hier die wichtige Funktion zu übernehmen, die Schwere des Erlebten und das Unfassbare fassbarer zu machen.

 

Mit Hilfe einer positiv besetzten Gestalt aus seiner Phantasie kreierte er ein reales Kunstobjekt, was er mit einer Beschützerfunktion versah. An dieser Gestalt arbeitete er in der Kunsttherapie über einen längeren Zeitraum hinweg, holte sie immer wieder hervor, um etwas hinzuzufügen. Eine wichtige Rolle nahm dieses Objekt auch bei der Bewältigung seiner Albträume ein.

 

Es wäre so wichtig und nötig gewesen, Hassan weiter kunsttherapeutisch zu begleiten. Er hatte es geschafft, sich auf die therapeutische Beziehung und auf die bildnerischen Ausdrucksmöglichkeiten einzulassen, was ihn im Ergebnis entlastete.

 

Leider war dies nicht möglich, weil die Familie nach langer Suche endlich eine Wohnung gefunden hatte und aus der Gemeinschaftsunterkunft aus- und in eine andere Stadt umzog.

 

Der geplante und zelebrierte Abschied nahm eine wichtige Rolle am Ende der Kunsttherapie ein. Er bot u.a. eine Retrospektive dessen, was Hassan auf seinem Weg wild, mutig und mit langsam wachsendem Vertrauen gemeistert hatte.

 

Er betrauerte den Verlust und damit vielleicht auch einen Teil dessen, was er schon lange vorher verloren hatte.

 

Eine Überführung in alternative struktur- und haltgebende Rahmenbedingungen war leider nicht möglich.

 

* sein Name wurde geändert“