Besonderheiten in der Therapie mit Geflüchteten

Die psychischen Belastungen von Geflüchteten sind gekennzeichnet von ihren Fluchtgründen, der Fluchtgeschichte sowie dem Ankommen in einem anderen Land. Konkrete Erfahrungen können dabei sein:

  • Kriminelle Schlepper, Vergewaltigung, Hunger und Durst, Todesgefahren
  • Verfolgungs-, Gefängnis- und Lagererfahrung
  • Trennung und Verlust von Bezugspersonen
  • UMF: Zwangsrekrutierung als Kindersoldaten, weibliche Genitalverstümmelung, familiäre Gewalt, Kinderzwangsarbeit, Zwangsverheiratung
  • Ungewissheit der Anerkennung als Flüchtling im Aufnahmeland; Diskriminerungserfahungen

Viele Therapeut*innen haben Bedenken, mit Geflüchteten zu arbeiten, da sie sich selbst nicht als Expert*innen für Traumatherapie sehen bzw. Respekt vor der sehr belastenden Arbeit haben. Häufig geht es in den Therapien aber auch um Stabilisierung und nicht unbedingt ausschließlich um Traumabewältigung. Die meisten approbierten Psychotherapeut*innen bringen daher das Handwerkszeug mit, auch mit Geflüchteten zu arbeiten. Für Fragen und weitere Bedenken können Sie sich gern an uns wenden!

 

Die BafF  e.V. hat eine Arbeitshilfe zu dem Thema  „Flüchtlinge in unserer Praxis“ mit Informationen für Ärzt*innnen und Psychotherapeut*innen zusammengestellt. Diese kann hier heruntergeladen werden.

 

Die Arbeit mit geflüchteten Menschen kann sehr belastend sein. Insbesondere für Ehrenamtliche, welche sich häufig zusätzlich zu anderen Verpflichtungen engagieren, kann dieses Engagement einen großen zusätzlichen Druck bedeuten. Die Konfrontation mit schwierigenden Themen wie Traumatisierungen, Diskriminierungen, Abschiebungen oder bürokratischen Hürden lässt die wenigsten Menschen kalt. Im Gegensatz zu Hauptamtlichen haben Ehrenamtliche häufig keine Möglichkeit, in Supervision oder Teambesprechungen professionelle Unterstützung für ihre eigenen Belastungen zu erhalten.

Im Folgenden haben wir einige Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, um eigene Belastungen zu erkennen und erste Strategien dagegen zu entwickeln.

Eigene Grenzen erkennen

Ehrenamtliches Engagement im Bereich Flucht kann sehr kräftezehrend sein. Burn-Out oder Sekundärtraumatisierungen sind unter Ehrenamtlichen keine Seltenheit. Hinweise auf eine zu starke Belastung können sein:

  • ungewohnte Trägheit, Unwohlsein, Unlust, Widerwillen im Kontakt mit Geflüchteten
  • Niedergeschlagenheit, Resignation, Aggression, Überdruss und Mutlosigkeit: „Warum mache ich das alles? Hat doch eh keinen Sinn!“
  • Grübeln, im Kreise drehen, nicht abschalten können
  • Gereiztheit
  • Verlust von Interesse an anderen Menschen oder Beschäftigungen
  • Warnsignale des Körpers (psychosomatische Zeichen)
  • Hinweise nahestehender Personen

Es ist wichtig, diese Symptome ernst zu nehmen  und rechtzeitig gegenzusteuern.

Selbstfürsorge

Ausgebranntheit und Belastungen kann etwas entgegen gesetzt werden! Erste Schritte können sein:

  • eigene Bedürfnisse wahrnehmen und sich für diese Zeit nehmen: „ich bin (auch) wichtig“
  • genug schlafen, regelmäßig essen
  • Freiräume und Auszeiten regelmäßig einplanen, Pausen einhalten
  • Nein-Sagen lernen und einsetzen
  • Erfolge feiern und genießen
  • eigene Entspannungs-und Erholungsformen kennen und einsetzen(Badewanne, Sauna, Yoga, Sport, Kinofilm o.ä.)
  • eigene Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit, Anerkennung, Zuspruch, Liebe beachten
  • eigene Kraftquellen („Tankstellen“) kennenlernen und nutzen: z.B. Singen, Austausch mit Freund*innen, Glaube, Hobby, etc.

Gehen die Belastungen tiefer und rühren möglicherweise auch an eigene traumatische Erfahrungen, ist es wichtig, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Der Austausch mit Hauptamtlichen, Supervision oder Therapie können Möglichkeiten sein. Brauche Sie hierbei Unterstützung, melde Sie sich unter unserer Info-Hotline!

Zum Weiterlesen

Tipps zur Selbstfürsorge in der Arbeit mit Geflüchteten

Für Helfende. Hinweise zur Selbstfürsorge

Kraftvoll und engagiert. Selbstfürsorge im Ehrenamt

Jeder Abschied ist schwer. Eine Handreichung für Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit im Kontext von Trennung

Video: Brenne für deine Arbeit, ohne selbst zu verbrennen.
https://www.youtube.com/watch?v=GueGN3nRn9g&feature=youtu.be

 

 

Seit 2017 erhalten asylsuchende Menschen in Thüringen die elektronische Gesundheitskarte. Mit dieser können sie direkt zum Arzt gehen und dort behandelt werden. Psychotherapeutische Behandlung wird seitdem von den Krankenkassen entsprechend ihrer Grundsätze und der offiziellen Psychotherapie-Richtlinie bewilligt.

Bei Bedarf einer psychotherapeutischen Behandlung ist eine Diagnose durch eine*n Psychotherapeuten*in einzuholen, welcher an die Krankenkasse weitergeleitet wird. Diese entscheidet dann über die Bewilligung der Therapie.

Auch wenn asylsuchende Menschen somit in der Theorie Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung besitzen, gestaltet sich die Praxis oft schwierig: Zum einen sind die Kapazitäten psychotherapeutischer Versorgung in Thüringen nicht ausreichend, was häufig zu langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz führt. Zum anderen kommt für Personen mit eingeschränkten Deutschkenntnissen das Hindernis der Dolmetschkostenübernahme hinzu.

Eine Arbeitshilfe der BAfF und des BumF kann dabei unterstützen, die Kostenübernahe der Therapie von minderjährigen Geflüchteten und jungen Volljährigen zu benatragen.

 

 

Für viele geflüchtete Menschen ist es grundlegend wichtig, dass Stellungnahmen zu ihrer psychischen Gesundheit u.a. für aufenthaltsrechtliche Fragen geschrieben werden. Das Zentrum Überleben stellt ausführliche Informationen zu dem Thema „Begutachtung psychischer Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren“ online zur Verfügung.

Außerdem finden Sie unter diesem Link Standards zur Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen (in aufenthaltsrechtlichen Verfahren), sowie auf der Seite des Flüchtlingsrates kurz zusammengefasst Hinweise zu dem Schreiben von Attesten von Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen

In der Broschüre „Flüchtlinge in unserer Praxis“ der BAfF werden hilfreiche Praxisnahe Tipps zum Erstellen von Stellungnahmen zur Verfügung gestellt. Dort heißt es (auf Seite 46) unter anderem:

„Solche Atteste oder Stellungnahmen müssen gewisse Voraussetzungen erfüllen, um in den aufenthaltsrechtlichen Verfahren Bestand zu haben. Sie sollten folgende Informationen enthalten:

  • Seit wann sind die Betroffenen in Behandlung, wann wurden sie untersucht?
  • Welche Angaben machten sie selbst zu Fluchtgründen/Gewalter-lebnissen? (Wichtig ist, immer die Aussagen der PatientInnen von fremdanamnestischen Angaben und eigenen Eindrücken zu trennen)
  • Liegen ggf. fremdanamnestische Daten oder Dokumente vor?
  • Beschwerdeschilderung der Betroffenen
  • Eigener Befund
  • Diagnose, ggf. Differentialdiagnose
  • Eigene durchgeführte Behandlung
  • Weitere Behandlungsbedürftigkeit und Prognose
  • Ggf. welche Anforderungen an die Gestaltung der Lebensumstände(Nähe der Familie o. ä.) ergeben sich aus dem Krankheitsbild?
  • Sofern erforderlich und gefragt: prognostische Einschätzung, wiesich eine (erzwungene) Rückkehr in das Herkunftsland auf die gesundheitlichen Störungen auswirken würde.“