Informationen für Fachkräfte

Innerhalb dieses Bereiches finden sich Informationen für Fachkräfte, die im Bereich der psychosozialen, therapeutischen Arbeit mit geflüchteten Menschen tätig sind.

Dabei geht es um Themen, die innerhalb unserer Arbeit immer wieder relevant werden, sowie um alltagspraktische Hilfestellungen, wie die Beantragung von Dolmetscher*innennkosten oder das Formulieren von Gutachten. Wenn Sie Interesse zu einer Schulung in einem dieser Themenbereiche haben, wenden Sie sich mit ihren Anfragen an schulungsanfragen@refugio-thueringen.de

 

 

Asyl und Gesundheit

Das Wort „Asyl“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Zufluchtsstätte“. Ursprünglich handelte es sich bei dem Recht auf Asyl nicht um ein Asylrecht im heutigen Sinne, sondern vielmehr um ein religiöses Gebot bzw. um eine tief verwurzelte Sitte. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) Art. 14 (Asylrecht):

„Jeder Mensch hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen. Dieses Recht kann im Fall einer Verfolgung wegen echter nicht-politischer Verbrechen oder wegen Handlungen, die gegen die Ziele und Grundsätze der Vereinten Nationen verstoßen, nicht in Anspruch genommen werden.“

Die Genfer Flüchtlingskonvention definiert im Art. 1A, Abs. 2 GFK einen Flüchtling als jede Person, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht nehmen will“.

Die Verankerung des Grundrechts auf Asyl im Grundgesetz (1949, 1993) Deutschland verankerte das Recht auf Asyl als Grundrecht in seiner Verfassung, die am 23. Mai 1949 in Kraft trat. Die Aufnahme des Asylrechts im Artikel 16 Abs. 2 II GG erfolgte mit dem Wortlaut: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“. Nach dem sogenannten „Asylkompromiss“ im Jahr 1993 wurde Art. 16a GG eingefügt, der das Grundrecht auf Asyl stark einschränkte, in dem bspw. kein Asylrecht genießen kann, der aus einem „sicheren Herkunftsland“ kommt oder über einen „sicheren Drittstaat“ nach Deutschland eingereist ist.

Die Dublin-III-Verordnung ersetzte am 01.01.2014 die Dublin-II-Verordnung, welche „Kriterien und Verfahren zur Bestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines Asylantrags zuständig ist, den ein Staatsangehöriger eines Drittlandes in einem Mitgliedstaat gestellt hat“, festlegte. Die Verordnungen verfolgen das Ziel, dass derjenige Mitgliedsstaat, in welchem ein Flüchtling erstmals europäisches Territorium betritt, für das Asylverfahren zuständig sein soll. Jeder Asylsuchende darf somit nur einen Asylantrag innerhalb der Europäischen Union stellen. Weiterwanderungen und Mehrfachanträge in der Europäischen Union sollen so verhindert werden. Die Dublin-III-Verordnung gilt als wesentliche Ursache für die Abschottungspolitik der EU.

 

 

 

Die BRD ist durch mehrere völker- und europarechtliche Konventionen (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 1948, Art. 25; Charta der Grundrechte der Europäischen Union, 2007, Art. 35; Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, Art. 12; Europäische Sozialcharta, Art. 11) verpflichtet, allen Menschen, die auf ihrem Staatsgebiet leben, das Recht auf den Schutz ihrer Gesundheit und entsprechend hinreichende Gesundheitsleitungen zu gewähren.

Mit der Anerkennung der Charta der Grundrechte der Europäischen Union sind dabei „Diskriminierungen insbesondere wegen des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der ethnischen oder sozialen Herkunft, der genetischen Merkmale, der Sprache, der Religion oder der Weltanschauung, der politischen oder sonstigen Anschauung, der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung“ (Art. 21) auch in Deutschland rechtsverbindlich verboten.

Auch Flüchtlinge haben also nach internationaler Gesetzgebung einen Rechtsanspruch auf angemessene Gesundheitsversorgung. Besonders vulnerablen Flüchtlingen wird darüber hinaus ein spezieller Versorgungsbedarf zugesprochen – diesen erkennt inzwischen auch das europäische Asylrecht an. So fordern die neuen EU-Richtlinien des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems von allen europäischen Mitgliedsstaaten, die besonderen Bedürfnisse u.a. von „Personen mit schweren körperlichen Erkrankungen, Personen mit psychischen Störungen und Personen, die Folter, Vergewaltigung oder sonstige schwere Formen psychischer, physischer oder sexueller Gewalt erlitten haben“ (vgl. Art. 21 Richtlinie 2013/33/EU zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (Neufassung), ABl 2013 L 180/96.) zu berücksichtigen.

Deutschland muss demnach sicherstellen, dass diese Personen „die Behandlung – insbesondere Zugang zu einer adäquaten medizinischen und psychologischen Behandlung oder Betreuung – erhalten, die für den Schaden, welcher ihnen durch derartige Handlungen zugefügt wurde, erforderlich ist“ (Art. 21 Richtlinie 2013/33/EU zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (Neufassung), ABl 2013 L 180/96.).

Zugleich verpflichtet das Völkerrecht – insbesondere das UN-Antifolterabkommen – die BRD zu einem besonderen Schutz von Folteropfern: Menschen, die durch Folter und andere schwere Menschenrechtsverletzungen Schaden erlitten haben, sollen demnach „medizinische und psychologische ebenso wie rechtliche und soziale Leistungen“ erhalten, die ihnen eine „so vollständige Rehabilitation wie möglich“ gewährleisten (General Comment No.3 des UN-Committee against Torture zur Implementierung von Art. 14 in den Mitgliedsstaaten).

 

 

 

Im Freistaat Thüringen wurden im Jahr 2016 (Januar bis Oktober) insgesamt 14.671 Asylanträge gestellt, was 2,1 Prozent der Anträge aller Bundesländer entspricht. Es wurde (Januar bis August) über 13.762 Anträge entschieden, wovon 3416 Anträge abgelehnt wurden.

In Thüringen gibt es zwei Landesaufnahmestellen. Sie befinden sich in Suhl und Gera-Ernsee (acht weitere haben seit letztem Jahr geschlossen). Hier verbringen Flüchtlinge nach der Asylantragstellung die ersten Wochen ihres Aufenthalts als Asylsuchende und werden in der „Erstanhörung“ von einem/einer Einzelentscheider*in des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu ihrem Asylantrag befragt. Sie erhalten im Anschluss die „Aufenthaltsgestattung“. Bei der zweiten Anhörung, die das Kernstück des Asylantrages darstellt, werden die Geflüchteten über ihre Fluchtgründe befragt. Im Anschluss erfolgt die Entscheidung durch das BAMF. Bis dahin gilt die Aufenthaltsgestattung.

Nach spätestens drei bis maximal sechs Monaten erfolgt die „Umverteilung“ in sogenannte Gemeinschaftsunterkünfte. Manche dieser Unterkünfte sind in Städten angesiedelt, der weitaus größere Teil befindet sich jedoch in ländlichen Gebieten mit wenig Anbindung an städtische Infrastruktur. Seit dem 01. Juli 2013 galt die Residenzpflicht für das Landesgebiet Thüringen. Dies bedeutete, dass Geflüchtete sich nur in Thüringen frei bewegen konnten. Für alle Gebiete, die darüber hinausgingen, brauchten die Asylsuchenden eine Genehmigung, den sogenannten „Urlaubsschein“.

Seit dem 1. Januar 2015 wurde die Residenzpflicht bundesweit weiter gelockert. Nach Ablauf von drei Monaten entfällt die Residenzpflicht. Einschränkungen sind nur noch unter bestimmten Voraussetzungen (z.B. Kriminaldelikt) im Einzelfall möglich. Nach drei Monaten tritt jedoch die Wohnsitzauflage in Kraft, welche bedeutet, dass Personen, die Sozialleistungen beziehen, ihren Wohnsitz nicht frei wählen dürfen. Grundsätzlich haben Geflüchtete die ersten drei Jahre ab Anerkennung oder Erteilung der Aufenthaltserlaubnis die Pflicht, den Wohnsitz in dem Bundesland innezuhaben, in das sie zur Durchführung des Asylverfahrens zugewiesen worden sind. Die Wohnsitzverpflichtung kann aufgehoben werden, wenn eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung an einem anderem Ort nachgewiesen wird.

In den ersten drei Monaten ihres Aufenthaltes besteht für Geflüchtete ein absolutes Arbeitsverbot. Danach ist die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit theoretisch nicht ausgeschlossen. Erschwert wurde dies jedoch durch die sogenannte „Vorrangprüfung“, wonach zunächst ausgeschlossen werden muss, dass für den jeweiligen Arbeitsplatz ein*e Deutsche*r oder aufenthaltsrechtlich besser gestellte*r Ausländer*in zur Verfügung stehen könnte. Diese ist jedoch aktuell für drei Jahre in vielen Bundesländern, darunter Thüringen, ausgesetzt.

Der Zugang zum Arbeitsmarkt muss bei Personen mit einer Aufenthaltsgestattung oder Duldung jedoch weiterhin durch die Bundesagentur für Arbeit überprüft und gestattet werden, da die „Vergleichbarkeit der Arbeitsbedingungen“ geprüft werden. Wenn der Lohn und die Arbeitszeiten den gesetzlichen und regionalen Standards entsprechen, kann das Arbeitsverhältnis eingegangen werden. Ein ungehinderter Arbeitsmarktzugang wird Personen mit einer Aufenthaltserlaubnis ermöglicht. Nach vierjährigem Aufenthalt wird auch für Personen mit einer Aufenthaltsgestattung oder Duldung der Zugang zustimmungsfrei.

Die meisten Asylsuchenden und Geflüchteten mit Duldung erhalten Asylbewerberleistungen als Grundleistung. Am 18. Juli 2012 wurde die Höhe der Leistung das erste Mal seit 1993 geändert. Die aktuellste Gesetzesänderung trat am 6. August 2016 in Kraft. Nach diesem Urteil erhalten die Asylsuchenden bundesweit einheitliche Leistungen, die zehn Prozent geringer ausfallen als die Leistungshöhe nach dem Sozialgesetzbuch II/Hartz IV. Flüchtlingen ist es erst frühestens nach 15 Monaten des Aufenthalts gewährt, Sozialleistungen analog zur Sozialhilfe zu beziehen (sobald ein positiver Bescheid ergeht, erhalten sie ebenfalls Sozialleistungen).

In Thüringen erhalten Flüchtlinge nach dem Asylbewerberleistungsgesetz in der Regel Barleistungen. Während der Unterkunft in Erstaufnahmeeinrichtungen erhalten sie jedoch Sachleistungen und während des Aufenthalts in Gemeinschaftsunterkünften können sie ebenfalls Sachleistungen statt Barleistungen bekommen. Ausreisepflichtige Geflüchtete erhalten gekürzte Leistungen. Die medizinische Versorgung für Asylsuchende hat nicht den gleichen Umfang wie für deutsche Staatsbürger. Im Rahmen der Grundleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (regelt auch die med. Versorgung) sollen nur dringend erforderliche (akute oder schmerzhafte) Erkrankungen behandelt werden. Diese Einschränkungen gelten mindestens für die ersten 15 Monate ihres Aufenthaltes in Deutschland, gegebenenfalls aber auch darüber hinaus.

Asylverfahren können bis zu mehrere Jahre dauern, bis eine endgültige Entscheidung getroffen wird. Sehr viele Asylanträge werden abgelehnt. Es folgt für die nicht als asylberechtigt anerkannten Flüchtlinge ein Leben mit einer „Duldung“. Das bedeutet, dass sie nicht wissen, ob sie abgeschoben werden oder ob sie in Deutschland bleiben können.

 

 

Trauma und PTBS

Ich habe meine Füße auf zwei Planeten
Wenn sie sich in Bewegung setzen
Zerren sie mich mit
Ich falle…

 

Ich trage zwei Welten in mir
Aber keine ist ganz;
Sie bluten ständig
Die Grenze verläuft mitten durch meine Zunge
Ich rüttele daran wie ein Häftling
Das Spiel an einer Wunde

 

(Zafer Şenocak, 1985, Dichter türkischer Herkunft, lebt in Deutschland)

Extrem stressvolle Ereignisse, die zu einer psychischen Erkrankung führen können, werden als traumatisch bezeichnet, wenn sie mit einer Bedrohung von Leben oder körperlicher Unversehrtheit und einer ausgeprägten körperlichen Alarmreaktion beim Opfer einhergehen. Dabei muss ein solches Ereignis nicht auf die Person direkt einwirken, eine Traumatisierung kann auch eintreten, wenn man Zeuge wird, wie das Ereignis jemandem passiert, besonders, wenn dieser einem emotional sehr nahe steht.

Traumatische Ereignisse werden unterschieden in von Menschen verursachte Katastrophen und Naturkatastrophen. Beispiele von traumatischen Ereignissen sind: Teilnehmer*innen oder Opfer von Kampfhandlungen, Vergewaltigung, Folter, Zeuge eines Massakers oder Kriegsgefangene*r sein oder eine Naturkatastrophe wie Tsunami, Erdbeben etc. Ein Ereignis wird dabei nur dann als „traumatisch“ betrachtet, wenn sich der Organismus während des Erlebens in einem extremen Alarmzustand befindet und Gefühle von panischer Angst, Entsetzen oder Hilflosigkeit erlebt werden.

Im Zentrum des psychischen Traumas steht Entmenschlichung. Folge ist das Fehlen von vielem, was den Menschen zum Menschen macht: Kommunikation, autobiografische Erinnerung, Würde. Traumata dauern fort in die Gegenwart, Schuld ist eine fehlerhafte Kodierung des Erlebten im Gedächtnis.

Nicht jede*r, der ein traumatisches Ereignis erlebt, entwickelt eine chronische psychische Erkrankung. Etwa ein Viertel aller Traumatisierten entwickeln eine PTBS. Je mehr traumatische Momente erlebt werden, desto höher ist aber die Wahrscheinlichkeit, eine PTBS zu entwickeln. Symptome, die sechs bis acht Monate nach einer Traumatisierung noch bestehen, bilden sich selten von allein zurück, sondern bedürfen psychotherapeutischer Behandlung.

 

 

Die Posttraumatische Belastungsstörung (engl.: PTSD/ post-traumatic stress disorder) ist eine psychische Erkrankung in Folge einer Traumatisierung, bei dem der/die Betroffene unter dem Erinnerungsdruck leidet, den das in der Vergangenheit liegende Ereignis auslöst. Grunddynamik ist Vergessenwollen durch „nicht darüber reden“ und unwillentliches Wiedererleben (Intrusionen). Furchtbare Erinnerungen an das Erlebte werden wieder und wieder lebendig und real erlebt, wobei diese begleitet werden von intensiver Angst oder Wut.

Das Wiedererleben der Vergangenheit wird zur schrecklichen Gegenwart, ohne angemessenen sprachlichen Ausdruck zu finden. Auch der Körper reagiert während des Erinnerns mit einer Stressreaktion (Herzschlag, Schmerzen), die der während des traumatischen Ereignisses selbst ähnelt. Es drängen sich immer wieder Bruchstücke des Erlebten ins Gedächtnis, die nicht der Vergangenheit und einem bestimmten Kontext zugeordnet werden können. Die Erinnerungen kommen tagsüber fortwährend wieder und lassen sich nicht wegdrängen, obwohl die Person sich nicht erinnern möchte.

Manchmal geht dies so weit, dass der/die Betroffene nicht realisiert, dass er/sie sich an einem sicheren Ort befindet und glaubt, das er/sie zurück in der damaligen Situation ist. Nachts tritt das Wiedererleben in Form von Alpträumen auf, aus denen der/die Betroffene in einem grauenvollen Angstzustand aufwacht und nicht mehr einschlafen kann. Das Wiedererleben wird von sogenannten Hinweisreizen hervorgerufen, die an ein Detail des Traumas erinnern. Dies geschieht unter anderem durch eine Funktionsstörung im Gehirn, die Folge des extremen Alarmzustandes des Körpers während der traumatischen Situation ist.

Neben dem ständigen Wiedererleben sind Vermeidungsverhalten und chronische körperliche Übererregung (Engl.: hyperarousal) weitere Symptomgruppen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Der/die Betroffene versucht verständlicherweise, die schmerzvollen Erinnerungen zu vermeiden, er/sie meidet Orte, oder bestimmte Personen, die ihn/sie erinnern oder lernt, Gefühle nicht mehr zu empfinden. Dies kann isolieren und zum Verlust von emotionaler Nähe zu anderen führen. Gleichzeitig führt die andauernd wieder ausgelöste Angst zu einer chronischen körperlichen Übererregung, die sich in ständiger Wachsamkeit oder Misstrauen, Schreckhaftigkeit und Konzentrationsstörungen äußert.

Traumatisierte Menschen sind in ihrem sozialen und alltäglichen Funktionsvermögen oft deutlich reduziert, manchmal so stark, dass sie nicht mehr in der Lage sind, für sich und ihre Familien zu sorgen. Starke Schuld- und Wertlosigkeitsgefühle, Hoffnungslosigkeit, Sich-Aufgeben und Suizidalität sind nicht selten, ebenso wie begleitende andere körperliche und psychische Erkrankungen. Eine häufig begleitende Erkrankung sind z.B. Depressionen. Behandlungsmöglichkeiten für eine traumatisierte Person ist es extrem schwierig, das Erlebte in einer detaillierten und zusammenhängenden Weise zu erzählen.

Patient*innen mit einer PTBS haben eine Schwäche in ihrem autobiographischen Gedächtnis d.h. sie haben Schwierigkeiten, ihre Angst in Bezug zu Zeit und Ort zu setzen, um sie klar einem bestimmten Lebensabschnitt zuzuordnen. Durch therapeutische Begleitung kann das Erlebte noch einmal betrachtet und bearbeitet werden. Ängste und Erinnerungen sollen in ihren damaligen Kontext und lückenlos in die eigene Biografie eingebettet werden können. Mit therapeutischer Unterstützung müssen schmerzhafte Emotionen durchgearbeitet werden. Durch eine „Neuorganisation“ des Erlebten im Gedächtnis kann erreicht werden, dass Erinnerungsbilder nicht mehr imstande sind, extreme körperliche und emotionale Alarmzustände hervorzurufen.

 

 

Auf der Seite der BAfF findet sich eine ausführliche Liste ausgewählter Fachliteratur zu den Themenfeldern Trauma und PTBS.

Ebenso stellt das Zentrum Überleben in Berlin eine Online Bibliothek zur Verfügung, in der sich ausgewählte Beiträge des Zentrums finden.

 

 

Besonderheiten in der Therapie mit geflüchteten Menschen

Die psychischen Belastungen von Geflüchteten sind gekennzeichnet von ihren Fluchtgründen, der Fluchtgeschichte sowie dem Ankommen in einem anderen Land. Konkrete Erfahrungen können dabei sein:

  • Kriminelle Schlepper, Vergewaltigung, Hunger und Durst, Todesgefahren
  • Verfolgungs-, Gefängnis- und Lagererfahrung
  • Trennung und Verlust von Bezugspersonen
  • UMF: Zwangsrekrutierung als Kindersoldaten, weibliche Genitalverstümmelung, familiäre Gewalt, Kinderzwangsarbeit, Zwangsverheiratung
  • Ungewissheit der Anerkennung als Flüchtling im Aufnahmeland; Diskriminerungserfahungen

Viele Therapeut*innen haben Bedenken, mit Geflüchteten zu arbeiten, da sie sich selbst nicht als Expert*innen für Traumatherapie sehen bzw. Respekt vor der sehr belastenden Arbeit haben. Häufig geht es in den Therapien aber auch um Stabilisierung und nicht unbedingt ausschließlich um Traumabewältigung. Die meisten approbierten Psychotherapeut*innen bringen daher das Handwerkszeug mit, auch mit Geflüchteten zu arbeiten. Für Fragen und weitere Bedenken können Sie sich gern an uns wenden!

 

Die BafF  e.V. hat eine Arbeitshilfe zu dem Thema  „Flüchtlinge in unserer Praxis“ mit Informationen für Ärzt*innnen und Psychotherapeut*innen zusammengestellt. Diese kann hier heruntergeladen werden.

 

Die Arbeit mit geflüchteten Menschen kann sehr belastend sein. Insbesondere für Ehrenamtliche, welche sich häufig zusätzlich zu anderen Verpflichtungen engagieren, kann dieses Engagement einen großen zusätzlichen Druck bedeuten. Die Konfrontation mit schwierigenden Themen wie Traumatisierungen, Diskriminierungen, Abschiebungen oder bürokratischen Hürden lässt die wenigsten Menschen kalt. Im Gegensatz zu Hauptamtlichen haben Ehrenamtliche häufig keine Möglichkeit, in Supervision oder Teambesprechungen professionelle Unterstützung für ihre eigenen Belastungen zu erhalten.

Im Folgenden haben wir einige Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, um eigene Belastungen zu erkennen und erste Strategien dagegen zu entwickeln.

Eigene Grenzen erkennen

Ehrenamtliches Engagement im Bereich Flucht kann sehr kräftezehrend sein. Burn-Out oder Sekundärtraumatisierungen sind unter Ehrenamtlichen keine Seltenheit. Hinweise auf eine zu starke Belastung können sein:

  • ungewohnte Trägheit, Unwohlsein, Unlust, Widerwillen im Kontakt mit Geflüchteten
  • Niedergeschlagenheit, Resignation, Aggression, Überdruss und Mutlosigkeit: „Warum mache ich das alles? Hat doch eh keinen Sinn!“
  • Grübeln, im Kreise drehen, nicht abschalten können
  • Gereiztheit
  • Verlust von Interesse an anderen Menschen oder Beschäftigungen
  • Warnsignale des Körpers (psychosomatische Zeichen)
  • Hinweise nahestehender Personen

Es ist wichtig, diese Symptome ernst zu nehmen  und rechtzeitig gegenzusteuern.

Selbstfürsorge

Ausgebranntheit und Belastungen kann etwas entgegen gesetzt werden! Erste Schritte können sein:

  • eigene Bedürfnisse wahrnehmen und sich für diese Zeit nehmen: „ich bin (auch) wichtig“
  • genug schlafen, regelmäßig essen
  • Freiräume und Auszeiten regelmäßig einplanen, Pausen einhalten
  • Nein-Sagen lernen und einsetzen
  • Erfolge feiern und genießen
  • eigene Entspannungs-und Erholungsformen kennen und einsetzen(Badewanne, Sauna, Yoga, Sport, Kinofilm o.ä.)
  • eigene Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit, Anerkennung, Zuspruch, Liebe beachten
  • eigene Kraftquellen („Tankstellen“) kennenlernen und nutzen: z.B. Singen, Austausch mit Freund*innen, Glaube, Hobby, etc.

Gehen die Belastungen tiefer und rühren möglicherweise auch an eigene traumatische Erfahrungen, ist es wichtig, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Der Austausch mit Hauptamtlichen, Supervision oder Therapie können Möglichkeiten sein. Brauche Sie hierbei Unterstützung, melde Sie sich unter unserer Info-Hotline!

Zum Weiterlesen

Tipps zur Selbstfürsorge in der Arbeit mit Geflüchteten

Für Helfende. Hinweise zur Selbstfürsorge

Kraftvoll und engagiert. Selbstfürsorge im Ehrenamt

Jeder Abschied ist schwer. Eine Handreichung für Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit im Kontext von Trennung

Video: Brenne für deine Arbeit, ohne selbst zu verbrennen.
https://www.youtube.com/watch?v=GueGN3nRn9g&feature=youtu.be

 

 

Seit 2017 erhalten asylsuchende Menschen in Thüringen die elektronische Gesundheitskarte. Mit dieser können sie direkt zum Arzt gehen und dort behandelt werden. Psychotherapeutische Behandlung wird seitdem von den Krankenkassen entsprechend ihrer Grundsätze und der offiziellen Psychotherapie-Richtlinie bewilligt.

Bei Bedarf einer psychotherapeutischen Behandlung ist eine Diagnose durch eine*n Psychotherapeuten*in einzuholen, welcher an die Krankenkasse weitergeleitet wird. Diese entscheidet dann über die Bewilligung der Therapie.

Auch wenn asylsuchende Menschen somit in der Theorie Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung besitzen, gestaltet sich die Praxis oft schwierig: Zum einen sind die Kapazitäten psychotherapeutischer Versorgung in Thüringen nicht ausreichend, was häufig zu langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz führt. Zum anderen kommt für Personen mit eingeschränkten Deutschkenntnissen das Hindernis der Dolmetschkostenübernahme hinzu.

Eine Arbeitshilfe der BAfF und des BumF kann dabei unterstützen, die Kostenübernahe der Therapie von minderjährigen Geflüchteten und jungen Volljährigen zu benatragen.

 

 

Für viele geflüchtete Menschen ist es grundlegend wichtig, dass Stellungnahmen zu ihrer psychischen Gesundheit u.a. für aufenthaltsrechtliche Fragen geschrieben werden. Das Zentrum Überleben stellt ausführliche Informationen zu dem Thema „Begutachtung psychischer Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren“ online zur Verfügung.

Außerdem finden Sie unter diesem Link Standards zur Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen (in aufenthaltsrechtlichen Verfahren), sowie auf der Seite des Flüchtlingsrates kurz zusammengefasst Hinweise zu dem Schreiben von Attesten von Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen

In der Broschüre „Flüchtlinge in unserer Praxis“ der BAfF werden hilfreiche Praxisnahe Tipps zum Erstellen von Stellungnahmen zur Verfügung gestellt. Dort heißt es (auf Seite 46) unter anderem:

„Solche Atteste oder Stellungnahmen müssen gewisse Voraussetzungen erfüllen, um in den aufenthaltsrechtlichen Verfahren Bestand zu haben. Sie sollten folgende Informationen enthalten:

  • Seit wann sind die Betroffenen in Behandlung, wann wurden sie untersucht?
  • Welche Angaben machten sie selbst zu Fluchtgründen/Gewalter-lebnissen? (Wichtig ist, immer die Aussagen der PatientInnen von fremdanamnestischen Angaben und eigenen Eindrücken zu trennen)
  • Liegen ggf. fremdanamnestische Daten oder Dokumente vor?
  • Beschwerdeschilderung der Betroffenen
  • Eigener Befund
  • Diagnose, ggf. Differentialdiagnose
  • Eigene durchgeführte Behandlung
  • Weitere Behandlungsbedürftigkeit und Prognose
  • Ggf. welche Anforderungen an die Gestaltung der Lebensumstände(Nähe der Familie o. ä.) ergeben sich aus dem Krankheitsbild?
  • Sofern erforderlich und gefragt: prognostische Einschätzung, wiesich eine (erzwungene) Rückkehr in das Herkunftsland auf die gesundheitlichen Störungen auswirken würde.“

 

 

Hinweise zur Arbeit mit Dolmetschenden

Eine besondere Herausforderung in der Psychotherapie mit geflüchteten Menschen ist häufig die Sprache. Können sich Therapeut*in und Patient*in nicht fließend auf einer gemeinsamen Sprache unterhalten, muss für eine gelingende Therapie ein*e Dolmetscher*in hinzugezogen werden.Viele Therapeut*innen sind anfangs skeptisch, was eine „Psychotherapie zu dritt“ angeht. Erfahrungen zeigen jedoch, dass eine gut aufeinander abgestimmte Arbeit zwischen Therapeut*in und Dolmetscher*in eine erfolgreiche Psychotherapie ermöglicht.

Die Behandlung kann nur so gut sein, wie die Dolmetscher*innen ihren Übersetzungstätigkeiten nachkommen. Ein Einsatz von geschulten Sprach- und Kulturmittler*innen ist unbedingt erforderlich, keine übersetzenden Verwandten oder Bekannten!

Die professionelle Sprachmittler*in trägt maßgeblich dazu bei, eine vertrauensvolle Grundlage zu schaffen. Sie gibt den Sprechinhalt wieder und bezieht kulturelle Dimensionen in das Gespräch mit ein. Sie kennt die Perspektive der Berater*in und der Klient*in und kann beide in ein Verhältnis zueinander setzen.

 

 

 

Aus unserer langjährigen Erfahrung sind in der Arbeit mit Sprach- und Kulturmittler*innen folgende Faktoren zu beachten:

Hintergründe kultureller Konnotationen weitergeben.

Inhalt: Möglichst nahe am Inhalt übersetzen, der Inhalt ist wichtiger als die korrekte grammatische Übersetzung.

Kurz: Um kurze Sätze bitten!

Vorgespräch mit Dolmetscher*in vor Einsatz durchführen- gegenseitiges Kennenlernen, Dolmetscher*in soll über Inhalt bzw. Ziel der Beratung/ Therapie informiert werden.

Die Verantwortung der Gesprächsführung liegt bei Therapeut*in!

Rollenklärung im Erstgespräch: Alle Infos sind für Therapeut*in bestimmt à „Ich werde alles was Sie sagen, weitergeben, weil es meine Pflicht ist!“.

Nachfrage: Wie kommt Klient*in mit Übersetzung zu Recht?

Zurückgeben: Wenn Klient*in etwas nicht versteht à Therapeut*in erklärt und antwortet- nicht Dolmetscher*in!

Unparteilichkeit: Dolmetscher*in darf nicht zum „Verbündeten“ der Klient*in werden à Nachfragen: Warum soll etwas nicht übersetzt werden?

Nachbesprechung: Zeit nehmen zum Nachbesprechen der Therapiesitzung! Wo gab es Verständnisschwierigkeiten? Gab es kulturelle Aspekte, die im Gespräch eine Rolle gespielt haben?

Übersetzung: möglichst direkt à Infos gehen direkt an Berater*in/ Therapeut*in ohne eigene Anmerkungen

Verhältnis: 3er Konstellation Patient*n, Therapeut*in, Dolmetscher*in à der/die Dolmetscher*in wirkt an der Stärkung des Verhältnisses zwischen Therapeut*in und Patient*in mit.

 

weiterführende Informationen:

Wir empfehlen den Reader von NTFN „Psychotherapie zu Dritt“, in dem praxisnahe Tipps und Hinweise zu der Arbeit mit Dolmetscher*innen in der Therapie gegeben werden. Von der Antragsstellung für Therapie, der Beantragung der Übernahme von Dolmetscher*innenkosten bis hin zu Präventionsmaßnahmen von Sekundärtraumatisierung von Dolmetscher*innen ist dort viel zu finden.

 

Die Krankenkassen übernehmen keine Kosten für in einer ambulanten Psychotherapie benötigte Dolmetscher*innen. Dies hat sich auch mit Einführung der elektronischen Gesundheitskarte in Thüringen nicht geändert. Über die Bewilligung einer Kostenübernahme von Dolmetschleistungen entscheiden weiterhin die Sozialämter. Leider gibt es hierfür keine eindeutigen gesetzlichen Regelungen. Die Entscheidung liegt in den Händen der einzelnen Behörden. Je nach Aufenthaltsstatus der beantragenden Person ist bei der Beantragung der Kostenübernahme auf unterschiedliche Gesetzesparagraphen zu verweisen.

  • Asylbewerber*innen, die weniger als 15 Monate in Deutschland sind (noch im Verfahren, mit Duldung und ausreisepflichtige Ausländer*innen)

Für diese Gruppe kann unter Bezug auf §§ 4 und 6 AsylbLG die Kostenübernahme von Dolmetschleistungen beantragt werden. Einen entsprechenden Vordruck finden Sie hier:

Vorlage unter 15 Monaten

 

  • Asylbewerber*innen, die länger als 15 Monate in Deutschland sind (noch im Verfahren, mit Duldung und ausreisepflichtige Ausländer*innen) und Analogleistungen nach § 2 AsylbLG beziehen

Für diese Gruppe kann unter Bezug auf § 73 S. 1 SGB XI  die Kostenübernahme von Dolmetschleistungen beantragt werden. Einen entsprechenden Vordruck finden Sie hier:

Vorlage über 15 Monate

 

  • Anerkannte Asylbewerber*innen im ALGII-Bezug (Geflüchtete mit Asylrecht, Flüchtlingsstatus, subsidiärer Schutz)

Hier kann im Einzelfall versucht werden, über § 21 Abs. 6 SGB II eine Kostenübernahme als Mehrbedarf beim Jobcenter oder Sozialamt zu beantragen. Einen entsprechenden Vordruck finden Sie hier:

Vorlage Antrag Jobcenter

 

Es gibt verschiedene Anlaufstellen für kompetente Sprach- und Kulturmittler*innen:

SprIntpool Thüringen

Telefon: 0361-511 500 21
Mobil: 0176-6361 4240
Fax:
0361-511 500 29
E-Mail: sprintpool@ibs-thueringen.de

SprIntpool vermittel schnell und unkompliziert Sprachmittler*innen für 29 verschiedene Sprachen und Dialekte. Mehr Infos finden Sie unter www.ibs-thueringen.de/project/sprintpool-thueringen/

Videodolmetschen

Das Landesprogramm Dolmetschen des Landes Thüringen bietet sozialen Einrichtungen, Behörden, Kliniken und vielen mehr die Möglichkeit, kostenlos und schnell auf Videodolmetscher*innen zuzugreifen. Informationen über das Programm und ob Sie zur Nutzung berechtigt sind finden Sie unter: FAQ Landesprogramm Dolmetschen

Sprach- und Kulturmittler*innen von REFUGIO

Auch wir von REFUGIO Thüringen haben mittlerweile einen großen Pool an Sprach- und Kulturmittler*innen, welche Übersetzungserfahrung im psychotherapeutischen Setting besitzen. Für weitere Fragen stehen wir ihnen gerne zur Verfügung.