Klient*innen bei REFUGIO Thüringen berichten häufig über negative Vorerfahrungen mit Polizist*innen und anderen Staatsbediensteten in ihren Heimatländern und während der Flucht. In vielen Ländern ist Rechtstaatlichkeit unbekannt, Beamt*innen sind bestechlich und Recht wird jenen zugesprochen, die bezahlen. Dies ist ein häufig genannter Grund auch bei Hilfebedarf nicht zur Polizei zu gehen. Viele Geflüchtete, die im PSZ betreut wurden, haben uns über erlebte Gewalt, Willkür und Folter durch Polizist*innen und andere Beamt*innen erzählt. Oft waren diese Erlebnisse Auslöser für psychische Folgestörungen und einer generalisierten, großen Angst vor Polizist*innen und Uniformierten! Insbesondere für Frauen und Minderheiten ist es schwieriger Unterstützung durch Polizei oder andere Beamt*innen zu bekommen. In vielen Fällen wurden uns über Inhaftierungen ohne Gerichtsverfahren berichtet. Diese negative Vorerfahrungen sind bei vielen geflüchteten Menschen verinnerlicht und beeinflussen maßgeblich auch deren Wahrnehmung von und ihrem Verhalten zu Polizist*innen in Deutschland!

Die berichteten Erfahrungen von Geflüchteten mit Polizei in Deutschland sind vielfältig. Die meisten Geflüchteten verbinden Abschiebungsängste mit der Polizei, welche in Regel die Abschiebungen vollziehen. Racial Profiling, und dem damit verbundenen Gefühl kriminalisiert zu werden, wurde ebenfalls häufig von unseren Klient*innen beschrieben: unserer Wahrnehmung nach werden Geflüchtete häufiger als andere Bevölkerungsgruppen durch Polizist*innen kontrolliert. In Gesprächen mit Geflüchteten berichten jene wiederkehrend davon, dass allein der Anblick von uniformierten Polizist*innen, Polizeiautos oder bspw. das Geräusch von Sirenen Erinnerungen an frühere Erlebnisse mit Polizist*innen triggern und damit teilweise massive Ängste auslösen. Gleichzeitig hören wir von Geflüchteten häufig auch positive Einschätzungen zur Arbeit und dem Auftreten deutscher Polizist*innen. Es wird wertgeschätzt, dass hier in Deutschland Anzeigen durch Polizei aufgenommen werden, dass auch Geflüchtete ihre Rechte einklagen können. Es ist bekannt und geachtet unter Geflüchteten, dass einer Anzeige ein prüfendes Verfahren folgt und keine willkürlichen Strafen ausgesprochen werden. Opfern z.B. von häuslicher Gewalt haben in Deutschland manchmal erstmals Hilfe durch Polizist*innen erfahren. Sie haben erfahren, dass die Polizei in Notfällen kommt und ihnen geholfen hat. Uns wird in Gesprächen von positiven Erlebnissen erzählt, während deutsche Polizist*innen ihren Job sachlich, ruhig und geordnet verrichtet haben.

Wir möchten Sie an dieser Stelle auch auf den erschütternden Bericht von Human Rights Watch “They Treated Us in Monstrous Ways” Sexual Violence Against Men, Boys, and Transgender Women in the Syrian Conflict aufmerksam, in dem u.a. über Gewalt in Gefängnissen und durch Staatsbedienstete berichtet wird.

https://www.hrw.org/sites/default/files/media_2020/08/syria0720_web.pdf