Notstand in Thüringen: Therapieplätze für Geflüchtete dringend notwendig!

Mit der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte besteht in Thüringen seit Januar 2017 für alle Geflüchteten theoretisch Zugang zur Regelversorgung. Jedoch werden Anfragen von Geflüchteten (unabhängig vom Aufenthaltsstatus) nach Psychotherapie sehr häufig abgelehnt.

Dr. Julia Hauck, Geschäftsführerin des Psychosozialen Zentrums für Flüchtlinge, erklärt die Gründe: „Niedergelassene Psychotherapeuten haben ohnehin hohe Anmeldezahlen und lange Wartezeiten, auch für Einheimische. Hinzu kommen Schwierigkeiten für die Behandlung der teils schwer belasteten und traumatisierten Menschen: das transkulturelle Setting und die oft komplizierten rechtlichen Rahmenbedingungen der Asylverfahren. Die Kosten für die notwendigen Sprach- und Kulturmittler werden nicht durch die Krankenkassen übernommen und auch nur in Einzelfällen durch die zuständigen Sozialämter genehmigt.“

Die psychotherapeutische Regelversorgung in Thüringen scheint mit dem hohen Belastungsgrad von vielen Geflüchteten und dem daraus folgenden Therapiebedarf überfordert – das zeigt auch die enorme Anzahl an Anmeldungen bei REFUGIO Thüringen. Viele Betroffene müssen trotz akuter psychischer Erkrankungen auch vom Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge abgewiesen werden. Im Juni 2018 wurde ein Aufnahmestopp für das Psychosoziale Zentrum verhängt – zeitgleich sind jedoch mehr als 350 hilfesuchende Personen angemeldet. Auch bei REFUGIO reichen die Kapazitäten bei Weitem nicht für eine adäquate Betreuung der teils schwer erkrankten Geflüchteten aus.

Gerade für die dringend benötigte Psychotherapie wird die Finanzierung immer schwieriger. Projektmittel stehen REFUGIO Thüringen oftmals nur mit hohen – teils bürokratischen – Hürden zur Verfügung. Beispielsweise konnten 2016 nur rund 163.000 Euro der durch das Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familien zur Verfügung gestellten 413.500 Euro zum Kapazitätsausbau genutzt werden. Auch 2018 können die im Thüringer Haushalt eingestellten Mittel bisher nur eingeschränkt für die psychosoziale Versorgung genutzt werden. Der Verein ist zudem abhängig von Fördermitteln der EU und des Bundes, was im laufenden Jahr durch langwierige Entscheidungsverfahren oder Ablehnungen zur Verschlechterung der finanziellen Lage und damit Verringerung der personellen Kapazitäten des Psychosozialen Zentrums für Flüchtlinge führte.

Asylsuchende verlassen ihre Heimat und ihre Familie oft unfreiwillig und begeben sich auf einen meist lebensgefährlichen und riskanten Weg, um existenziellen Lebensbedrohungen in ihren Heimatländern zu entfliehen. Vor, während und nach ihrer Flucht sind diese Menschen starken psychischen Belastungen ausgesetzt. Krieg, Flucht und Folter hinterlassen tiefe Spuren. Insbesondere Kindern und Jugendlichen fällt die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse schwer, wie beispielsweise das Miterleben von Kriegsgeschehnissen, Zwangsrekrutierung, Zwangsheirat oder der Verlust von Familienangehörigen.

Bettina Kriese, Psychotherapeutin und Therapeutische Leiterin des Psychosozialen Zentrums für Flüchtlinge, beschreibt die gesundheitlichen Folgen für die Betroffenen: „Nicht selten leiden Geflüchtete an verschiedenen psychischen Erkrankungen, rund ein Drittel an einer Posttraumatischen Belastungsstörung oder Depressionen, wie Studien gezeigt haben. Geflüchtete sind insgesamt wesentlich häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen als Personen aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft.“

REFUGIO Thüringen ist seit zwölf Jahren als einziges Psychosoziales Zentrum im Freistaat erste und oft einzige Anlaufstelle für die psychotherapeutische Behandlung und psychosoziale Beratung von traumatisierten und/oder psychisch erkrankten Geflüchteten. Abseits der Regelversorgung wurden in den letzten Jahren Hunderte Patient*innen durch die Mitarbeiter*innen von REFUGIO betreut und behandelt. Es zeigt sich, dass aktuell – trotz sinkender Flüchtlingszahlen – der Bedarf an traumatherapeutischer Behandlung und psychosozialer Beratung gleichbleibend hoch ist.

Deutscland verpflichtet sich im Rahmen internationaler Verträge, Opfer schwerer Menschenrechtsverletzungen angemessen zu versorgen. Das europäische Asylrecht erkennt den speziellen Versorgungsbedarf traumatisierter Flüchtlinge an und verpflichtet die Mitgliedsstaaten zur Sicherstellung einer adäquaten medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung für Opfer von Folter und Gewalt. Auch die aktuelle Thüringer Landesregierung setzte sich im Koalitionsvertrag das Ziel, „die dauerhafte und kontinuierliche Finanzierung der psychosozialen therapeutischen Behandlung traumatisierter Flüchtlinge bedarfsgerecht und in Umsetzung von EU-Recht in Thüringen sicherzustellen“.

Von einer Sicherstellung der Versorgungsstruktur kann zum aktuellen Zeitpunkt jedoch nicht gesprochen werden! Zum einen müssen sowohl Kapazitäten für die adäquate Behandlung von traumatisierten Geflüchteten in der Regelversorgung geschaffen werden. Zum anderen ist eine verlässliche und nachhaltige Unterstützung für das Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge als nicht-staatliche spezialisierte Institution unerlässlich, um die Gesundheitsversorgung der besonders schutzbedürftigen Geflüchteten zu sichern. Es besteht akuter Handlungsbedarf, damit die Versorgung der traumatisierten Geflüchteten im Freistaat gewährleistet werden kann!

 

Pressemitteilung REFUGIO August